China-Missionar Hudson Taylor berichtet:

 

Etwa 30 Meilen vor Shanghai planten wir am Ufer anzulegen, um den Menschen dort das Evangelium zu verkündigen. Peter, einer der Passagiere auf unserem Boot, wollte mit mir an Land, um mich predigen zu hören. Das freute mich besonders, weil er noch kein Christ war.

 

Als ich in der Kabine gerade meine Traktate und Bücher zusammenpackte, hörte ich draußen einen Schrei und das Platschen des reißenden Flusses. Ich stürzte an Deck und erschrak: Peter war über Bord!

 

Die anderen Männer standen nur da und schauten hilflos an die Stelle des wilden Wassers, an der er untergetaucht war. Keiner versuchte ihn zu retten.

 

Ein starker Wind trieb unsere Dschunke trotz Gegenströmung immer weiter weg. Das tiefliegende, unbewachsene Ufer gab uns keine Landmarke, an der wir hätte ausmachen können, wie weit wir den Ertrinkenden Mann bereits hinter uns gelassen hatten.

 

Sofort holte ich das Segel ein und sprang in den Fluss, in der Hoffnung, ihn doch noch zu finden. Erfolglos blickte ich um mich in qualvoller Spannung um.

 

Da entdeckte ich in meiner Nähe ein kleines Fischerboot, das ein eigentümliches, mit Haken versehenes Zugnetz hatte - ideal, um Peter wieder heraufzuziehen.

 

Voll Hoffnung schrie ich: "Kommt rüber, zieht euer Netz über diese Stelle - hier ist eben ein Mann untergegangen!"

 

Veh bin!" - war die herzlose Antwort. Auf Deutsch: „Es passt uns nicht."

 

„Sprecht doch nicht davon, dass es jetzt unpassend ist!", rief ich ihnen gequält zurück. "Ich habe euch doch gesagt, dass hier ein Mann ertrinkt!"

 

„Wir sind gerade mit Fischen beschäftigt", so die Antwort. „Wir können also nicht kommen."

 

„Macht euch keine Gedanken ums Fischen", entgegnete ich. "Ich gebe euch mehr Geld, als ihr durch mehrtägiges Fischen verdienen könnt. Aber kommt doch endlich her!"

 

„Wie viel Geld wirst Du uns geben?"

 

„Darüber können wir jetzt nicht diskutieren. Kommt, es wird zu spät sein. Ich gebe euch fünf Dollar" (Damals eine beträchtliche Summe Geld).

 

„Dafür kommen wir nicht", antworteten die Männer. "Gib uns 20 Dollar, und wir werden das Netz auswerfen."

 

„Ich habe keine Schätze. Aber kommt doch endlich, und ich gebe euch alles, was ich habe."

 

„Und wie viel wird das in etwa sein?"

 

„Ich weiß es nicht genau, ungefähr 15 Dollar."

 

Schließlich, wenn auch recht langsam, paddelten sie mit ihrem Boot zu mir herüber und ließen das Netz ab. Es dauerte weniger als eine Minute, bis der Körper des Vermissten nach oben gezogen werden konnte.

 

Als ich mich erst mit Wiederbelebungsversuchen auf Peter stürzte, reagierten die Fischer lautstark und entrüstet, weil ihre unverschämte Bitte nicht sofort erfüllt werden konnte. Aber alle Bemühungen waren umsonst, wir waren zu spät.

 

Schuldig!

 

Ich war darüber tief traurig, doch es eröffnete mir die Bedeutung einer weitaus traurigeren Realität.

 

Waren diese Fischer nicht am Tode dieses armen Chinesen schuldig geworden? Ja, sie waren schuldig. Dennoch müssen wir inne halten, bevor wir sie verurteilen.

 

Wenn es schon hartherzig und böse ist, den Leib nicht zu retten, um wie viel schlimmer ist es dann, die Seele eines anderen dem Verderben preiszugeben? Und stattdessen wie die Fischer mit „Veh bin!" zu antworten oder wie Kain schulterzuckend zu fragen: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?"

 

Der Herr Jesus beauftragt mich, beauftragt Dich, lieber Bruder, und Dich, liebe Schwester. „Geht", sagt er, „Geht in alle Welt und predigt allen das Evangelium."

 

Sollen wir da antworten wie die Fischer: „Nein, gerade passt es mir nicht"?

 

 

Soweit Hudson Taylor. Doch seine Frage bleibt. Es ist unsere tägliche Herausforderung, ob wir uns die Zeit für die Suchenden und Fragenden nehmen und ob wir ihnen das Evangelium entfalten.

 

 

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